Naturkosmetikshampoos: Mythen und Realität - ein Faktencheck

Naturkosmetikshampoos: Mythen und Realität - ein Faktencheck

Naturkosmetik ist ein Markt, der stark im Wachstum ist und bereits mehr als 10 Prozent des deutschen Gesamtkosmetikmarkts einnimmt. Anlässlich des Naturkosmetik Camps, das von 17-19.9.2021 in Bad Häring, Tirol stattfindet und an dem dieses Jahr erstmals auch Fräulein Haircare teilnehmen wird, will ich in diesem Blogbeitrag Mythos und Realität bei Naturkosmetikshampoos gegenüberstellen.

Was ist Naturkosmetik

Als ich in der Anfangszeit von Fräulein Haircare mit Kundinnen zum Thema Haarpflege sprach, war ein Missverständnis unübersehbar: Die Frage was eigentlich Naturkosmetik sei und was sie konkret mit einem Shampoo der Naturkosmetik verbanden, weckte sehr unterschiedliche Assoziationen. So erwähnte zwar viele Wörter wie natürlich, umweltschonend, besser für Kopfhaut und Haare, aber ansonsten blieb das Bild diffus.

Am häufigsten waren die nachfolgenden Antworten:

  • Umweltschonende Produktionsbedingungen
  • Bewahrung der Artenvielfalt
  • Schutz der natürlichen Ressourcen
  • Keine Tierversuche
  • Produktion unter Verwendung natürlicher Bestandteile und einfacher Herstellungsprozesse
  • Generell bessere Verträglichkeit

Der Blick in die Regale in Drogeriemärkten unterstrich in Folge diesen Eindruck. Plötzlich hatten Shampooflaschen einen Holz- oder Korkverschluss und warben weniger mit ihren Inhaltsstoffen als mit jenen, die wie von Zauberhand, plötzlich verschwunden waren. „Ohne Silikone, ohne Parabene, ohne Paraffine…usw.“ Der Plastikverschluss, der sich unter dem Holz- oder Korkring befand, wurde dabei leicht übersehen.

Versucht man jedoch als Produzent sich durch das Regelnetzwerk an Richtlinien für Naturkosmetikshampoos zu kämpfen, dann wird klar, warum der Endverbraucher oftmals überfordert ist. Deshalb vorab kurz und bündig: Was konkret ein Naturkosmetikshampoo ist, bestimmen einzig und allein die Inhaltsstoffe. Naturkosmetik selbst sagt noch nichts über Themen der Produktion oder dem Schutz von natürlichen Ressourcen aus. Auch Tierschutzstandards werden weniger durch die Naturkosmetik als durch die Europäische Kosmetikverordnung geregelt. Im Kern handelt es sich bei der Frage, ob ein Produkt zur Naturkosmetik gezählt werden darf, ausschließlich um eine Definition der Inhaltsstoffe.

Gesetzliche Regelungen und privatwirtschaftliche Verbände

Allerdings gibt es auch bei der Zulassung der Inhaltsstoffe keine Einheitlichkeit, sondern vielmehr grobe Parameter, an denen sich die Konsumentin/der Konsument orientieren kann. Während in Österreich das Lebensmittelbuch im Kapitel B33 die Regelungen vorgibt und damit für jeden einsichtig und transparent ist, werben in Deutschland private Vereinigungen mit Naturkosmetik Siegeln. Die beiden verbreitesten Siegel in dem Zusammenhang sind Natrue und Cosmos, letzteres auch als BDIH-Siegel (Bundesverband deutscher Industrie- und Handelsunternehmen) bekannt. Seit kurzem tritt auch Codecheck mit einem weiteren Siegel auf den Markt, das sich zwar nicht explizit nur an Naturkosmetikproduzenten richtet, aber ebenfalls eine Richtschnur bezüglich der Inhaltsstoffe liefern soll.

Generell gilt: Jede Zertifizierung kostet Geld. Gerade bei Produkten, die neu am Markt sind, ist es für Produzentinnen und Produzenten deshalb immer eine Frage der Abwägung, ob sich die Kosten der Zertifizierung durch entsprechende Mehrverkäufe refinanzieren lassen.

Hinzu kommt, dass auch die Kostenstruktur der Siegel sehr unterschiedlich sind. Bei Natrue fallen fixe Kosten an, aber es gibt keine Umsatzbeteiligung. Cosmos hingegen hat auch eine Umsatzbeteiligung. Ein Schelm, wer sich hinsichtlich der Relation zwischen verkauften Stück und Natrue Siegel bzw. der Häufung dieses Siegels im Drogeriemarkt oder Discounter Gedanken macht.

Fakt ist jedenfalls: Als Kosmetikproduzentin musste ich mir schon bei Beginn der Formulierung überlegen, welches der beiden Siegel das Produkt später zieren soll. Andernfalls riskiere ich doppelte Kosten, weil Inhaltsstoffe, die bei einem Siegel erlaubt sind, dann bei dem anderen verpönt sind und die Formulierung inklusiver aller Labortests nochmals neu durchgeführt werden muss.

Falsch ist es jedenfalls zu behaupten, dass ein Produkt ohne Siegel keine Naturkosmetik sei. Oftmals sind es einfach wirtschaftliche Überlegungen, warum Zertifizierungsprozess erst zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht durchgeführt werden. Wer sich als Konsument deshalb zum Thema Inhaltsstoffe orientieren will, dem helfen auch Apps wie das bereits erwähnte Codecheck oder Cosmile oder ToxFox. Ebenfalls hilfreich sind Websites wie www.hautschutzengel.de

Silikone, Paraffine, Parbene, Sulfate und Alkohol

Der Kunde, der ein Naturkosmetikshampoo kauft, weiß aber mit Sicherheit:

  • Das Shampoo enthält kein Silikon.
  • Das Shampoo enthält keine Paraffine. Dabei handelt es sich um Rückstände aus der Mineralölverarbeitung.
  • Das Shampoo enthält keine Parabene. Diese stehen im Verdacht, dass sie den Hormonhaushalt von Menschen durcheinanderbringen, da sie dem weiblichen Sexualhormon Östrogen sehr ähnlich sind. In Dänemark sind Parabene deshalb unabhängig vom Naturkosmetikstandard in Kosmetikprodukten für Kinder generell untersagt.
  • Das Shampoo enthält keine aggressiven auf Erdöl basierende Tenside.

Allerdings sind nicht alle Sulfate im Naturkosmetikbereich ausgeschlossen. Gerade auch weil Schaum im Shampoo für viele Menschen sehr wichtig ist, gibt es Sodium Coco Sulfat als eine milde Alternative, die auch in Naturkosmetikprodukten zugelassen ist. Sodium Coco Sulfat wird direkt aus der Kokosnuss gewonnen und überzeugt durch seine schaumbildenden Eigenschaften.

Das Weglassen von Parabene führt im Naturkosmetikbereich sehr oft dazu, dass Alkohol als Ersatz zur Konservierung eingesetzt wird. Die Gründe, warum wir bei Fräulein Haircare auch darauf verzichtet haben, haben wir im Blogbeitrag „Nüchtern soll dein Shampoo bleiben“ erörtert.

Ist Naturkosmetik tierfreundlicher

Begriffe wie Naturkosmetik, vegan, tierversuchsfrei werden ebenfalls oft in einem Atemzug genannt. Auch hier ist das Bild diffus.

Beginnen wir beim Thema Tierversuche: Tierversuche sind generell in der Europäischen Union seit März 2013 verboten. Wer seine Kosmetikprodukte deshalb in der EU einkauft, kann weitestgehend sicher sein, dass keine Tierversuche durchgeführt werden. Zwar gibt es Schlupflöcher, wie sie neuerdings wieder durch die Reach Verordnung entsteht, aber die Regel ist, dass alle Kosmetikprodukte, die in der Europäischen Union vertrieben werden, ohne Tierversuche hergestellt sind. Wer deshalb seine Kosmetikprodukte für den Sommerurlaub innerhalb der Europäischen Union einkauft, leistet einen wichtigen Beitrag für den Tierschutz.

Die Frage, ob Naturkosmetik aber insgesamt tierfreundlicher ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Einerseits verbietet Naturkosmetik Bestandteile von toten Wirbeltieren. Übersetzt bedeutet dies, dass Knochen oder Fette von Säugetieren, Vögel oder Fischen nicht in Naturkosmetikprodukten enthalten sein dürfen. Das betrifft beispielsweise Nerzöl oder das in Österreich sehr beliebte Murmeltierfett. Letzteres wird gerne als naturnahes Produkt oder als Souvenir der Alpen beworben, stammt aber aus der Bejagung der Murmeltiere.

Insekten sind in der Definition nicht enthalten, weshalb Farbstoffe wie das Karminrot der Cochenilleläuse auch bei Naturkosmetikprodukten erlaubt sind. Diese Regelung betrifft alle Produkte der Naturkosmetik, unabhängig davon, ob sie nach dem österreichischen Lebensmittelgesetzbuch, dem Natrue oder dem Cosmos Siegel zertifiziert sind.

Für Tierfreunde sind aber oftmals noch weitere Stoffe problematisch. Lanolin, auch Wollfett genannt, zählt dazu. Gerade in der industriellen Produktion wird bei der Schur nicht unbedingt achtsam mit den Schafen umgegangen. Dazu kommt, dass die Wolle auch Pestizide enthält, die sich dann ebenfalls im Lanolin nachweisen lassen. Problematisch sehe ich persönlich auch die Trennung von der Mutterkuh und dem Kalb zur Milcherzeugung. Gerade bei Molke lässt sich freilich argumentieren, dass damit ein Nebenprodukt der Käseerzeugung nochmals sinnstiftend eingesetzt wird. Es gibt zahlreiche Naturkosmetikprodukte, gerade auch Naturkosmetikshampoos, die auf der Basis von Molke hergestellt werden und die abschließende Beurteilung muss jeder für sich selbst treffen.

Bei Fräulein Haircare haben wir uns allerdings bewusst für vegane Naturkosmetik entschieden. Das bestätigt das V-Siegel der Proveg Gesellschaft in Berlin. Alternativ sieht man oft auch bei Naturkosmetikshampoos die Pusteblume der Vegan Society mit Sitz in Großbritannien. Unser Eindruck war, dass Proveg etwas strenger ist. In Summe hat es für uns aber insgesamt keinen Sinn gemacht, ein deutsches Kosmetikprodukt mit einem britischen Siegel zu klassifizieren.

Ist Naturkosmetik umweltfreundlicher

Wir haben es bereits eingangs erwähnt: Naturkosmetik sagt nur etwas über Inhaltsstoffe aus. Freilich lassen sich manche Vorschriften auch als umweltfreundlich interpretieren (z.B. der Verzicht auf erdölbasierende Tenside oder auf die Verarbeitung toter Wirbeltiere), aber bekannte Stellschrauben wie Verpackung oder Mikroplastik werden von den Regelungen nicht tangiert.

Gerade die Diskussion um Mikroplastik lohnt einen zweiten Blick. Auch wenn es sehr selten vorkommt, aber Mikroplastik ist tatsächlich auch in Naturkosmetikprodukten möglich. Es handelt sich dann um Polylactid Acid und dieses basiert auf nachwachsenden Rohstoffen wie Zuckerrohr oder Mais. Polylactid Acid ist zwar biologisch abbaubar, wie lange das allerdings speziell bei Mikropartikeln dauert, darüber gibt es geteilte Meinungen. In der Vergangenheit war bei einem Wimperntuschehersteller diese PLA-Fasern in Verwendung, da die Wimpern damit optisch länger und voller aussahen. Auch bei Peelingprodukten findet Mikroplastik selbst bei Naturkosmetikprodukten vereinzelt noch Anwendung.

Ist Naturkosmetik verträglicher

Zu diesem Thema werden die heftigsten Diskussionen geführt. Während die einen, die natürlichen Inhaltsstoffe loben und darauf hinweisen, dass synthetische Duft- und Farbstoffe in der Naturkosmetik verboten sind, kritisiert andere genau diesen Punkt. Wahr ist, dass Naturprodukte sich mit Klima, Art der Ernte und Bodenqualität verändern können. Weinliebhaber kennen das auch von ihrem Lieblingswein. Jeder Jahrgang schmeckt anders. Allerdings macht nicht genau das den Genuss des Weines aus? Oder bevorzugen wir ein Massenprodukt, das rein mit den Mitteln der Kellerwirtschaft jedes Jahr nach dem gleichen Geschmacksbild hergestellt wird?

Richtig ist auch, dass ätherische Öle sich rascher verflüchtigen können. Das hängt mit der Art der Gewinnung zusammen. Die meisten ätherischen Öle werden mit Hilfe der Wasserdampfdestillation gewonnen. Durch die dabei entstehenden hohen Temperaturen gehen flüchtige Duftstoffe aber auch leicht verloren. Allerdings gibt es hier bereits neuere Verfahren, die auch die flüchtigen und besonders kostbaren Duftstoffe erhalten.

Generell ist die Qualität des ätherischen Öls vom Anbau der Pflanze selbst abhängig. Nur eine Pflanze, die in einer gesunden Umgebung aufwächst (also frei von Pestiziden und Kunstdünger) ist eine starke und gesunde Pflanze. Dann können ätherische Öle aber eine sehr positive Wirkung erzeugen, da sie die gebündelte Lebenskraft der Pflanze enthalten und sich unmittelbar auf das Gehirn auswirken. So können sie physische als auch psychische Prozesse im Körper des Menschen positiv beeinflussen. Vorausgesetzt sie werden richtig dosiert.

Denn in dem Zusammenhang ist tatsächlich Vorsicht geboten. Das ist auch der Grund, warum wir bei Fräulein Haircare unsere Kundinnen und Kunden nicht mit der Dosierung allein lassen wollen. Zwar wäre es theoretisch möglich, ein geruchsneutrales Basis Shampoo und verschiedenste ätherische Öle anzubieten, aber die Gefahr einer Fehldosierung ist hoch. In den Laborversuchen haben wir selbst festgestellt, wie rasch sich das Gesamtbild bei einer nur geringfügig höheren Konzentration der ätherischen Öle verändert. Eine zu hohe Dosierung könnte in der Tat negative Folgen haben. Außerdem ist nicht jedes ätherische Öl für jede Anwendung und jeden Menschen ratsam. Insbesondere Kleinkinder oder Frauen während der Schwangerschaft oder Stillzeit sollten bestimmte ätherische Öle meiden. Dazu zählen insbesondere Teebaum oder Eukalyptus, aber auch Bohnenkraut, Fenchel oder Zimt.

Bei Fräulein Haircare sind die Basis Shampoos deshalb bereits mit den verschiedenen ätherischen Ölen fein abgestimmt, sodass einem sorglosen Gebrauch nichts im Wege steht. Nur wer eine besonders empfindliche Kopfhaut hat oder auch Kleinkinder unter drei Jahre, sollten gänzlich auf den Duft im Shampoo verzichten.

Fazit

Es ranken sich viele Mythen um Naturkosmetik. Allerdings macht es Sinn sich einmal mit dem Thema näher auseinanderzusetzen. Aus meiner Sicht macht Naturkosmetik bei Pflegeprodukten wie Shampoos, Duschgel und Hautcreme absolut Sinn, weil dadurch die Transparenz gegeben ist, dass auf unnötige Stoffe verzichtet wurde. Insbesondere bei Shampoos bedeutet Naturkosmetik, dass keine Silikone, keine Parabene, keine Paraffine, keine erdölbasierenden Tenside den Weg in die Flasche gefunden haben.

Fundamentalistisch sollte man das Thema trotzdem nicht betrachten, denn wie hat bereits Nietzsche gesagt: „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“

Das Naturkosmetik Camp findet dieses Jahr von 17.-19. September in Bad Häring, in Tirol statt. Es sind nur mehr Einzelplätze frei. Wer sich noch anmelden will, sollte das sofort tun. Hier gibt es weitere Informationen.

Schlagwörter: Naturkosmetik, vegan

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